Beethovens unsterbliche Geliebte von Joseph August Lux Kapitel 2
Difficulty: Hard    Uploaded: 6 hours ago by anitafunny     Last Activity: 5 hours ago
0% Upvoted
9% Translated but not Upvoted
22 Units
9% Translated
0% Upvoted
Kapitel 2 a. Als der Meister das fürstliche Treppenhaus hinaufstieg, wo barocke Genien und Putti als Leuchterträger ihr künstlerisches Wesen trieben nach des Bildhauers Laune, kamen ihm schon mehrere Livreediener mit geleerten Servierbrettern entgegen, ein Zeichen, daß ein Teil des Konzertprogramms und die Erfrischungspause bereits vorüber waren.

The artist was therefore in no hurry. Those above had to wait for him, not the other way around; and he had time. Die Freitagskonzerte waren, wie alle aristokratische Hausmusik jener Zeit, nicht nur Kunstereignis, wo alle Neuheiten »brühwarm von der Pfanne« gebracht wurden, sondern auch Gesellschaftsereignis, wo sich die vornehme Welt zu begegnen pflegte. Der Meister konnte den Anfang, der nichts Ungewöhnliches brachte und zugleich wegen der Unruhe der Begrüßungen und des Gesellschaftsklatsches, der Chronique scandaleuse nur geteilte Aufmerksamkeit fand, ruhig versäumen; das eigentliche Interessante kam erst im Hauptteil, und das war er.

Die schweren gelbseidenen Brokatvorhänge rauschten auf, von dienstbeflissenen Händen gehoben; der Meister betrat den großen Musiksaal, dessen Fenster an dem trüben Tage von den Vorhängen geschlossen waren. An den Wänden schimmerten Kerzen in zahlreichen Leuchtern; farbensprühende Altmeistergemälde glänzten mit tiefen Reflexen in breiten geschnitzten Goldrahmen; ein erlesener Personenkreis erfüllte den Saal mit heiterem Lärm und bewegtem Leben, ein Flor von Damenschönheit und eine Galerie von männlichen Charakterköpfen, die mit den Ahnengesichtern in den Gemälden wetteiferten.

Mit seiner metallischen Stimme begrüßte Fürst Lichnowsky den ersehnten Meister und dankte mit etwas auffallender Betonung, daß der so ungeduldig Erwartete nun doch erschienen sei. Der Meister fühlte den Stachel des leisen Vorwurfs in der übertriebenen Form des Willkomms und wendete sich etwas brüsk ab; aber das war eben die Art des Fürsten, der sich einbildete, er müsse den eigensinnigen Künstler mit Anstand erziehen und zum Hofmanne machen. Aber der war und blieb naturhaft, und gerade das gefiel in dem hochkultivierten Kreis.
Augenblickliche Stille war eingetreten, man ist gespannt auf den Künstler und beobachtet ihn wie ein Wundertier.

Der Meister hat sich zur Hausfrau gewendet, der blassen leidenden Fürstin Christiane, die am Klavier sitzt und dem Eintretenden mit dem huldvollsten Lächeln der Welt die Hand entgegenreicht, die der Künstler ehrerbietig küßt. Dieses schmerzensmüde Lächeln der Fürstin! Man munkelt, sie sei nicht glücklich. Die großen Ausgaben des Fürsten, seine kostspieligen Passionen – – –! Schöner noch ist ihre Schwester Elisabeth, die Gattin des stattlichen Fürsten Rasumoffsky, des russischen Staatsrates; sein Hausheiliger ist Haydn – jetzt hat er eine neue Mission gefunden, den Genius Beethoven: auch sie begrüßen ihn wie einen lieben Freund des Hauses; ja, die Mama der beiden Schwestern, die begeisterte Gräfin Thun, die das Andenken Mozarts hütet, löst sich sogleich von einer Gruppe von Damen und Herren los und steuert unbekümmert um alle Förmlichkeit auf den Künstler zu, den sie wie einen teuren Sohn fast umarmt. Sie war es doch, die vor Jahren den werdenden Meister, als er zum erstenmal nach Wien gekommen war, um bei dem damals noch lebenden Mozart Stunden zu nehmen, auf die Empfehlung des Grafen Waldstein hin liebevoll aufgenommen und ihn dem Kaiser Joseph vorgestellt hatte, der regelmäßig bei ihren Musikabenden zu erscheinen pflegte. Aristokratische Hausmusik – der gesellschaftliche Boden des musikliebenden Adels Wiens war die Pflanzstätte der ringenden Begabungen; aus der Hauskunstpflege des Hochadels und des Hofes waren die großen Meister hervorgegangen, als es noch keinen öffentlichen Konzertbetrieb gab – einen anderen Weg gab es nicht. Nach Mozart kam Beethoven; sie betrachtete ihn als ihr Werk. Kam er doch selbst von einem Hofe als Schützling des Bonner Kurfürsten Maximilian Franz, der gleich seinem Bruder Joseph II. die Förderung junger Talente als eine seiner Regentenpflichten erkannte, und seines Vertrauten, des Grafen Waldstein, der mit der Gräfin Thun verwandt war.
So war der Künstler von Haus aus aufs beste gesellschaftlich legitimiert; durch seinen Genie-Adel fühlte er sich übrigens dem Geburtsadel gleichgestellt: wenn nicht sogar überlegen.
unit 2
Der Künstler eilte darum keineswegs.
1 Translations, 0 Upvotes, Last Activity 5 hours ago
unit 3
Die oben mußten auf ihn warten, nicht er auf sie; und er hatte Zeit.
1 Translations, 0 Upvotes, Last Activity 5 hours ago
unit 13
Dieses schmerzensmüde Lächeln der Fürstin!
0 Translations, 0 Upvotes, Last Activity None
unit 14
Man munkelt, sie sei nicht glücklich.
0 Translations, 0 Upvotes, Last Activity None
unit 19
Nach Mozart kam Beethoven; sie betrachtete ihn als ihr Werk.
0 Translations, 0 Upvotes, Last Activity None

Kapitel 2 a.
Als der Meister das fürstliche Treppenhaus hinaufstieg, wo barocke Genien und Putti als Leuchterträger ihr künstlerisches Wesen trieben nach des Bildhauers
Laune, kamen ihm schon mehrere Livreediener mit geleerten Servierbrettern entgegen, ein Zeichen, daß ein Teil des Konzertprogramms und die Erfrischungspause bereits vorüber waren.

Der Künstler eilte darum keineswegs. Die oben mußten auf ihn warten, nicht er auf sie; und er hatte Zeit. Die Freitagskonzerte waren, wie alle aristokratische Hausmusik jener Zeit, nicht nur Kunstereignis, wo alle Neuheiten »brühwarm von der Pfanne« gebracht wurden, sondern auch Gesellschaftsereignis, wo sich die vornehme Welt zu begegnen pflegte. Der Meister konnte den Anfang, der nichts Ungewöhnliches brachte und zugleich wegen der Unruhe der Begrüßungen und des Gesellschaftsklatsches, der Chronique scandaleuse nur geteilte Aufmerksamkeit fand, ruhig versäumen; das eigentliche Interessante kam erst im Hauptteil, und das war er.

Die schweren gelbseidenen Brokatvorhänge rauschten auf, von dienstbeflissenen Händen gehoben; der Meister betrat den großen Musiksaal, dessen Fenster an dem trüben Tage von den Vorhängen geschlossen waren. An den Wänden schimmerten Kerzen in zahlreichen Leuchtern; farbensprühende Altmeistergemälde glänzten mit tiefen Reflexen in breiten geschnitzten Goldrahmen; ein erlesener Personenkreis erfüllte den Saal mit heiterem Lärm und bewegtem Leben, ein Flor von Damenschönheit und eine Galerie von männlichen Charakterköpfen, die mit den Ahnengesichtern in den Gemälden wetteiferten.

Mit seiner metallischen Stimme begrüßte Fürst Lichnowsky den ersehnten Meister und dankte mit etwas auffallender Betonung, daß der so ungeduldig Erwartete nun doch erschienen sei. Der Meister fühlte den Stachel des leisen Vorwurfs in der übertriebenen Form des Willkomms und wendete sich etwas brüsk ab; aber das war eben die Art des Fürsten, der sich einbildete, er müsse den eigensinnigen Künstler mit Anstand erziehen und zum Hofmanne machen. Aber der war und blieb naturhaft, und gerade das gefiel in dem hochkultivierten Kreis.
Augenblickliche Stille war eingetreten, man ist gespannt auf den Künstler und beobachtet ihn wie ein Wundertier.

Der Meister hat sich zur Hausfrau gewendet, der blassen leidenden Fürstin Christiane, die am Klavier sitzt und dem Eintretenden mit dem huldvollsten Lächeln der Welt die Hand entgegenreicht, die der Künstler ehrerbietig küßt. Dieses schmerzensmüde Lächeln der Fürstin! Man munkelt, sie sei nicht glücklich. Die großen Ausgaben des Fürsten, seine kostspieligen Passionen – – –! Schöner noch ist ihre Schwester Elisabeth, die Gattin des stattlichen Fürsten Rasumoffsky, des russischen Staatsrates; sein Hausheiliger ist Haydn – jetzt hat er eine neue Mission gefunden, den Genius Beethoven: auch sie begrüßen ihn wie einen lieben Freund des Hauses; ja, die Mama der beiden Schwestern, die begeisterte Gräfin Thun, die das Andenken Mozarts hütet, löst sich sogleich von einer Gruppe von Damen und Herren los und steuert unbekümmert um alle Förmlichkeit auf den Künstler zu, den sie wie einen teuren Sohn fast umarmt. Sie war es doch, die vor Jahren den werdenden Meister, als er zum erstenmal nach Wien gekommen war, um bei dem damals noch lebenden Mozart Stunden zu nehmen, auf die Empfehlung des Grafen Waldstein hin liebevoll aufgenommen und ihn dem Kaiser Joseph vorgestellt hatte, der regelmäßig bei ihren Musikabenden zu erscheinen pflegte. Aristokratische Hausmusik – der gesellschaftliche Boden des musikliebenden Adels Wiens war die Pflanzstätte der ringenden Begabungen; aus der Hauskunstpflege des Hochadels und des Hofes waren die großen Meister hervorgegangen, als es noch keinen öffentlichen Konzertbetrieb gab – einen anderen Weg gab es nicht. Nach Mozart kam Beethoven; sie betrachtete ihn als ihr Werk. Kam er doch selbst von einem Hofe als Schützling des Bonner Kurfürsten Maximilian Franz, der gleich seinem Bruder Joseph II. die Förderung junger Talente als eine seiner Regentenpflichten erkannte, und seines Vertrauten, des Grafen Waldstein, der mit der Gräfin Thun verwandt war.
So war der Künstler von Haus aus aufs beste gesellschaftlich legitimiert; durch seinen Genie-Adel fühlte er sich übrigens dem Geburtsadel gleichgestellt: wenn nicht sogar überlegen.