Der Sandmann von E.T.A. Hoffmann, Nathanael an Lothar
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Nathanael to Lothar.

I am very sorry that Clara recently opened and read the letter I sent you—a mistake caused, admittedly, by my own absent-mindedness. She wrote me a very profound philosophical letter in which she demonstrates at length that Coppelius and Coppola exist only within me and are phantoms of my self, which will vanish instantly the moment I recognize them as such. Indeed, one would hardly believe that the mind which shines forth from such bright, sweetly smiling childlike eyes, often like a lovely, sweet dream, could discern so intelligently, so masterfully. Sie beruft sich auf Dich. Ihr habt über mich gesprochen. You’re probably teaching her logic so she can learn to carefully examine and sort through everything. - Laß das bleiben! - By the way, it is quite certain that the weather glass salesman, Giuseppe Coppola, is by no means the old lawyer Coppelius. I am attending the lectures of the recently arrived professor of physics, who, like that famous natural scientist, is named Spalanzani and is of Italian descent. He's known Coppola for many years, and you can tell from his accent that he's a true Piedmontese. Coppelius war ein Deutscher, aber wie mich dünkt, kein ehrlicher. Ganz beruhigt bin ich nicht. You and Clara may think of me as nothing more than a gloomy dreamer, but I can’t shake the impression that Coppelius’s cursed face makes on me. Ich bin froh, daß er fort ist aus der Stadt, wie mir Spalanzani sagt. This professor is a peculiar fellow. A small, plump man with a face marked by prominent cheekbones, a delicate nose, upturned lips, and small, piercing eyes. But you’ll get a better sense of him than any description can provide when you look at the portrait of Cagliostro as he appears in one of Chodowiecki’s Berlin pocket calendars. - So sieht Spalanzani aus. - The other day, as I was walking up the stairs, I noticed that the curtain, which is usually drawn tightly across the glass door, was slightly parted. Selbst weiß ich nicht, wie ich dazu kam, neugierig durchzublicken. A tall, very slender woman, of the most perfect proportions and exquisitely dressed, sat in the room at a small table, her arms resting on it, her hands clasped together. Sie saß der Türe gegenüber, so, daß ich ihr engelschönes Gesicht ganz erblickte. She didn't seem to notice me, and in any case, there was something fixed about her eyes—I would almost say they lacked sight; it seemed to me as if she were sleeping with her eyes open. Mir wurde ganz unheimlich und deshalb schlich ich leise fort ins Auditorium, das daneben gelegen. Later I learned that the figure I had seen was Spalanzani’s daughter, Olimpia, whom he, in a strange and cruel manner, kept locked up so that no one was allowed to come near her. - Am Ende hat es eine Bewandtnis mit ihr, sie ist vielleicht blödsinnig oder sonst. - Weshalb schreibe ich Dir aber das alles? Besser und ausführlicher hätte ich Dir das mündlich erzählen können. Wisse nämlich, daß ich über vierzehn Tage bei Euch bin. Ich muß mein süßes liebes Engelsbild, meine Clara, wiedersehen. Weggehaucht wird dann die Verstimmung sein, die sich (ich muß das gestehen) nach dem fatalen verständigen Briefe meiner bemeistern wollte. Deshalb schreibe ich auch heute nicht an sie.

Tausend Grüße etc. etc. etc.
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Nathanael an Lothar.
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Sie beruft sich auf Dich.
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Ihr habt über mich gesprochen.
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Du liesest ihr wohl logische Kollegia, damit sie alles fein sichten und sondern lerne.
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- Laß das bleiben!
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Coppelius war ein Deutscher, aber wie mich dünkt, kein ehrlicher.
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Ganz beruhigt bin ich nicht.
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Ich bin froh, daß er fort ist aus der Stadt, wie mir Spalanzani sagt.
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Dieser Professor ist ein wunderlicher Kauz.
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- So sieht Spalanzani aus.
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Selbst weiß ich nicht, wie ich dazu kam, neugierig durchzublicken.
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- Weshalb schreibe ich Dir aber das alles?
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Wisse nämlich, daß ich über vierzehn Tage bei Euch bin.
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Ich muß mein süßes liebes Engelsbild, meine Clara, wiedersehen.
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Deshalb schreibe ich auch heute nicht an sie.
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Tausend Grüße etc.
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etc.
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etc.
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Nathanael an Lothar.

Sehr unlieb ist es mir, daß Clara neulich den Brief an Dich aus,
freilich durch meine Zerstreutheit veranlagtem, Irrtum erbrach und
las. Sie hat mir einen sehr tiefsinnigen philosophischen Brief
geschrieben, worin sie ausführlich beweiset, daß Coppelius und Coppola
nur in meinem Innern existieren und Phantome meines Ichs sind, die
augenblicklich zerstäuben, wenn ich sie als solche erkenne. In der
Tat, man sollte gar nicht glauben, daß der Geist, der aus solch hellen
holdlächelnden Kindesaugen, oft wie ein lieblicher süßer Traum,
hervorleuchtet, so gar verständig, so magistermäßig distinguieren
könne. Sie beruft sich auf Dich. Ihr habt über mich gesprochen. Du
liesest ihr wohl logische Kollegia, damit sie alles fein sichten und
sondern lerne. - Laß das bleiben! - Übrigens ist es wohl gewiß, daß
der Wetterglashändler Giuseppe Coppola keinesweges der alte Advokat
Coppelius ist. Ich höre bei dem erst neuerdings angekommenen Professor
der Physik, der, wie jener berühmte Naturforscher, Spalanzani heißt
und italienischer Abkunft ist, Kollegia. Der kennt den Coppola schon
seit vielen Jahren und überdem hört man es auch seiner Aussprache an,
daß er wirklich Piemonteser ist. Coppelius war ein Deutscher, aber wie
mich dünkt, kein ehrlicher. Ganz beruhigt bin ich nicht. Haltet Ihr,
Du und Clara, mich immerhin für einen düstern Träumer, aber nicht los
kann ich den Eindruck werden, den Coppelius' verfluchtes Gesicht auf
mich macht. Ich bin froh, daß er fort ist aus der Stadt, wie mir
Spalanzani sagt. Dieser Professor ist ein wunderlicher Kauz. Ein
kleiner rundlicher Mann, das Gesicht mit starken Backenknochen, feiner
Nase, aufgeworfenen Lippen, kleinen stechenden Augen. Doch besser, als
in jeder Beschreibung, siehst Du ihn, wenn Du den Cagliostro, wie er
von Chodowiecki in irgend einem Berlinischen Taschenkalender steht,
anschauest. - So sieht Spalanzani aus. - Neulich steige ich die Treppe
herauf und nehme wahr, daß die sonst einer Glastüre dicht vorgezogene
Gardine zur Seite einen kleinen Spalt läßt. Selbst weiß ich nicht, wie
ich dazu kam, neugierig durchzublicken. Ein hohes, sehr schlank im
reinsten Ebenmaß gewachsenes, herrlich gekleidetes Frauenzimmer saß
im Zimmer vor einem kleinen Tisch, auf den sie beide Ärme, die Hände
zusammengefaltet, gelegt hatte. Sie saß der Türe gegenüber, so, daß
ich ihr engelschönes Gesicht ganz erblickte. Sie schien mich nicht zu
bemerken, und überhaupt hatten ihre Augen etwas Starres, beinahe möcht
ich sagen, keine Sehkraft, es war mir so, als schliefe sie mit offnen
Augen. Mir wurde ganz unheimlich und deshalb schlich ich leise fort
ins Auditorium, das daneben gelegen. Nachher erfuhr ich, daß die
Gestalt, die ich gesehen, Spalanzanis Tochter, Olimpia war, die er
sonderbarer und schlechter Weise einsperrt, so, daß durchaus kein
Mensch in ihre Nähe kommen darf. - Am Ende hat es eine Bewandtnis mit
ihr, sie ist vielleicht blödsinnig oder sonst. - Weshalb schreibe
ich Dir aber das alles? Besser und ausführlicher hätte ich Dir das
mündlich erzählen können. Wisse nämlich, daß ich über vierzehn Tage
bei Euch bin. Ich muß mein süßes liebes Engelsbild, meine Clara,
wiedersehen. Weggehaucht wird dann die Verstimmung sein, die sich
(ich muß das gestehen) nach dem fatalen verständigen Briefe meiner
bemeistern wollte. Deshalb schreibe ich auch heute nicht an sie.

Tausend Grüße etc. etc. etc.